“Begegnungen sind am wichtigsten, um die Fähigkeiten zu entwickeln, die wir zur Bewältigung künftiger Erlebnisse brauchen. Die Begegnungen, die innerhalb unserer Familie stattfinden – ob einst oder jetzt – fördern und beeinflussen unsere Fähigkeiten am meisten.”

Walter Kempler

Die familiäre Perspektive ist der rote Faden in der erlebnisorientierten Familientherapie*. Die Arbeit basiert auf Dialog und ist beziehungs- und prozessorientiert. Begegnungen im Hier und Jetzt bieten laufend die Chance, sich persönlich weiterzuentwickeln.**


Transparenz, Gleichwürdigkeit und Verantwortung sind Werte der gemeinsamen Arbeit. In der erlebnisorientierten Familientherapie spielt die Persönlichkeit des Therapeuten eine zentrale Rolle. Ausschlaggebend für ein Zusammenfinden in der Beratung sind neben den intellektuellen auch die emotionalen Grundlagen, die Fähigkeit zu Kontakt und Präsenz, Timing und Stil des Therapeuten. Theoretisches Wissen und Fachkompetenz, aber ganz besonders auch das Vermögen, emotional anwesend zu sein, Aufrichtigkeit, Interesse am und empathisches Verständnis für den Klienten haben entscheidenden Einfluss auf den psychotherapeutischen Verlauf und damit auf die Möglichkeit des Klienten, sich persönlich zu entwickeln.

 

Therapeutischen Arbeit, die die Beziehung zwischen Klient und Therapeut in den Mittelpunkt rückt – auf diesen Seiten auch immer wieder als Kontakt oder Begegnung bezeichnet -,  ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und gilt als wichtigster Faktor therapeutischer Veränderung. Berühmte Forschernamen wie Daniel N. Stern**, Peter Fonagy stehen für diese Erkenntnisse.

Tragfähige und gelingende Beziehungen und ihre positive Auswirkung auf unser Leben, wurden im frühkindlichen Bereich als Langzeitstudie in Deutschland vom Ehepaar Grossmann*** belegt.

 

Zwischenmenschliche Beziehungsqualität werden nun auch in anderen Bereichen in den Fokus gerückt und erforscht und die wissenschaftliche Belege häufen sich, welche ungeheure Wirkung die Form unserer Beziehungen auf uns Menschen und unsere lebenslange seelische und körperliche Entwicklung und Gesundheit haben.

Um nur einige Bereiche zu nennen: Medizin, Genetik, Neurobiologie****, Pädagogik, Entwicklung, Erziehung, Hirnforschung etc..

Der Mensch wird am Du zum Ich

Martin Buber

*Die prozess- und erlebnisorientierte Psychotherapie ist eine neohumanistische Form, in der, eine Verbindung zwischen einer klientzentrierten, echten, wertschätzenden und emphatischen Beziehung (nach C. Rogers)  und einem aktiven, aufgabenorientierten und prozess-direktiven Stil der Gestalt-Psychotherapie (F. Perls) herzustellen versucht wird. Diese Therapieform ist wissenschaftlich fundiert (im Sinne von Grawe 1997). 


Walter Kempler gehörte zu denjenigen Mitarbeitern von Fritz Perls, die die Gestalttherapie seit Mitte der siebziger Jahre nach Europa brachten. Kempler distanzierte sich jedoch allmählich von Perls Methoden und „technischer Herangehensweise“ an den Klienten. Er begann, sich mehr auf die jeweils bestehenden Beziehungen in der Familie des Klienten zu konzentrieren und auf die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern, ihre persönlichen Dialoge sowie den Konflikt zwischen Integrität und Zusammenarbeit. Kempler sieht Symptome als einen Ausdruck für eine ungesunde Interaktion und Kinder als Symptomträger. Er legt Wert auf einen Therapeuten „auf gleicher Augenhöhe“, also eine ebenbürtige Beziehung.

Der erlebnisorientierte, familientherapeutische Ansatz wird durch die aktuellen Arbeiten zahlreicher Theoretiker, und Forscher der Gegenwart gestützt. Daniel Stern (1997, 2004) hat zum Verständnis der Intersubjektivität in der Kindheit beigetragen. I.D. Yalom (1999, 2002) ist ein heutiger Vertreter einer erlebnisorientierten existenziellen Psychotherapie, bei der der authentischen Begegnung größeres Gewicht beigemessen wird als therapeutischen Techniken und Methoden.


1979  gründete Kempler  in Zusammenarbeit mit Jesper Juul das Kempler Institute of Scandinavia (Odder, Dänemark) das Juul bis 2004 leitete.

Jesper Juul entwickelte hier eine eigenständige Therapie- und Beratungsform: Kurzzeitinterventionen mit der ganzen Familie, handlungsorientiert und praxisnah. Ziel der Arbeit ist es die Eltern bei der Suche nach neuen Wegen in der Erziehung zu unterstützen und nicht, sie in ihrem Versagen zu bestätigen. 


**Der Gegenwartsmoment: Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag  von Daniel N. Stern 


*** In ihrer weltweit beachteten Langzeitstudien erforschten Karin und Klaus Grossmann (Uni Regensburg) menschliche Bindungen, sie konnten fast 100 Kinder von der Geburt an bis zum 22. Lebensjahr wissenschaftlich begleiten und beobachten.

  

****Ein sehr empfehlenswertes Buch hierzu: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern von Joachim Bauer